WDC Kids

Wer Ist Der Mann Hinter Der Kamera?

Ein Interview mit Charlie Philipps von WDC-Unterstützerin Lea Fuhrbach



Als ich Charlie zum ersten Mal sah, hatte er gerade seinen Wagen, auf dessen Beifahrersitz ein riesiges Gestell mit einer Kamera thronte, geparkt und war eifrig am Telefonieren. Währenddessen beobachtete er eine Gruppe von Pilotwalen in der Bucht von North Kessock.

Diese waren am Morgen hier hinein geschwommen, was bei den freiwilligen Helfern der „Seawatch“ aber auch bei den Einheimischen große Verwunderung und auch Besorgnis auslöste.
Denn diese Wale gehören eigentlich weit auf das offene Meer hinaus und könnten in Gefahr sein zu stranden.
Charlie erzählte mir später, dass er mit den Telefonaten Bescheid gegeben hat, dass Boote nicht zu nah an die Wale heranfahren dürfen, da diese sonst in Panik geraten könnten. Und natürlich rief das große und gut funktionierende Netzwerk der „Seawatch“-Freiwilligen bei ihm, dem Profi, an, um von ihren Beobachtungen zu berichten.

Mit Auflegen des Telefonats weicht auch die besorgte Miene einem freundlichen Gesicht, er begrüßte mich herzlich und nach ein wenig Small Talk beginnen wir mit dem Interview.



Charlie Phillips arbeitet vom „Art & Craft Studio“ seiner Frau in North Kessock aus, vor dem wir uns auch getroffen haben.
Er ist nicht nur „Dolphin Field Officer“ für WDC in Schottland sondern, eigentlich hauptberuflich, Natur-Fotograf, als welcher er große Kunden wie BBC Scotland oder das schottische Parlament hat. Zudem hat er schon verschiedene Preise gewonnen, wie zum Beispiel als „Scottisch Nature Photographer of the Year 2016“.

Meine erste Frage bezog sich auf seine Kindheit und wann er ein Interesse an Natur, Delfinen und Fotografie entdeckte.
Er erzählte mir, dass er schon immer am Wildleben interessiert sei und in den Ferien als Kind viele Delfine gesehen habe, da seine Familie oft segeln gegangen sei.


Als nächstes fragte ich Charlie, ob er sofort Fotograf geworden ist oder ob er davor etwas anderes studiert oder gelernt hat. Vorher hatte er schon eine Ausbildung als Autoingenieur abgeschlossen und in diesem Beruf gearbeitet. Dann hat er als Pächter ein Lebensmittelgeschäft geführt, als sein Hobby Fotografie ihm immer mehr Zeit abverlangte. „Doch irgendwann wurde die Fotografie mehr als nur ein Hobby“, beendet Charlie seine Antwort.

Durch das Fotografieren der Delfine kam Charlie dann vor etwa 20 Jahren in Kontakt mit WDC, für die er schließlich als „Dolphin Field Officer“ und bis zu dessen Schließung auch als Leiter des WDC-Centers in North Kessock arbeitete.

Ich fragte genauer nach, was denn als „Field officer“ exakt seine Aufgaben seien.
Er erklärt mir, dass er die sieben Delfine des WDC-Adopt-a-Dolphin-Projekts beobachtet, studiert und – natürlich - fotografiert.
Charlie’s unvergleichliche Fotos und seine aktuelle Informationen sind in den WDC-News ein wichtiger Beitrag, um hier in Deutschland Neues über die Patendelfine zu erfahren und zu wissen, wie es den geliebten Meeressäugern geht.

In Schottland ist er auch des Öfteren im Scottish Dolphin Centre in Spey Bay anzutreffen. Er hält Vorträge über seine Arbeit und sein prämiertes Buch ist in jeder guten Buchhandlung in Schottland zu finden.

Bei seinen Studien arbeitet er eng mit der Universität von Aberdeen zusammen. Diese ist auch für die Namensvergabe der Delfine zuständig und benannte das Neugeborene des Delfins Kesslet nach Charlie.
Das machte ihn sehr stolz und glücklich, da, wie er mir erzählte, Kesslet sein Lieblingsdelfin ist. Denn er studierte schon Kesslets Mutter und kennt sie demnach schon seit ihrer Geburt.

Als ich dann frage, ob er durch sein jahrelanges Beobachten eine Art Verbindung mit den Delfinen bekommen hat, lacht er herzlich auf und meint: „Das ist zwar eine sehr schöne, filmhafte Vorstellung, doch leider ist es nicht so.“
Das läge daran, dass seine Arbeit ja nicht aus der Nähe geschieht und es sogar besser sei, wenn die Delfine den Mann mit der Kamera nicht sehen, da Charlie somit nicht ihr Verhalten beeinflusst oder sie stört.

Dann wollte ich wissen, ob er über die Jahre seiner Beobachtungen irgendwelche großen Veränderungen im Verhalten der Delfine bemerkt hat.
Seiner Meinung nach kommen aktuell nicht mehr so viele Delfine in den Moray Firth. Denn der Bestand an Lachsen ist geringer geworden. Sie würden jetzt an der Küste entlang weiter in Richtung Aberdeen bessere Fanggründe vorfinden.

Als letzte Frage interessierte mich, ob Charlie auch Veränderungen an sich durch die Arbeit mit der Natur und vor allem den Delfinen bemerkt hat.
„Das Wildleben verändert die Art deines Denkens“, antwortet er. „Man muss immer mit dem Unerwarteten rechnen.“

Und tatsächlich: Als ich mich am nächsten Tag per E-Mail bei Charlie erkundige, wie es mit den Pilotwalen, die sich verschwommen hatten, weitergegangen ist, antwortete er, dass diese noch am selben Tag wieder aufs offene Meer hinaus geschwommen sind!

Allerdings hätte Charlie den Satz „Erwarte immer das Unerwartete “nicht einfach gesagt, wenn es nicht wirklich stimmen würde.
Denn schon einige Tage später erfahren wir, dass die Gruppe Pilotwale erneut in die Bucht geschwommen waren und ein altes Weibchen tatsächlich gestrandet und verendet ist.



Trotz der speziellen Situation an dem Tag des Interviews habe ich das Reden mit Charlie sehr genossen und fand seine Lebensgeschichte und Erzählungen über seine Arbeit unglaublich interessant und faszinierend!
Am Ende hat er sogar meine Ausgabe seines Buches „On A Rising Tide“ mit persönlicher Widmung signiert!







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